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Mit dem FSCompanion stellt Freedom Scientific eine KI-gestützte Unterstützung speziell für Nutzerinnen und Nutzer von JAWS und Windows bereit. Das Versprechen klingt vielversprechend: Eine maßgeschneiderte Assistenz, die sich mit Screenreader-Bedienung und typischen Arbeitsabläufen auskennt. Doch wie gut funktioniert das in der Praxis – insbesondere im deutschsprachigen Umfeld?
Warnung nach Aufruf der Webseite
Beim Betreten der Webseite erscheint zunächst ein Einblendfenster mit dem Hinweis, dass KI-Systeme Fehler machen können. Diese Warnung lässt sich über einen Schalter „Warnung ausblenden“ schließen.
Der FSCompanion ist ab JAWS 26 direkt erreichbar. Alternativ kann er mit jeder JAWS-Version oder auch mit anderen Screenreadern über die frei zugängliche Webseite genutzt werden:
https://fscompanion.freedomscientific.com
Minimalistischer Aufbau der Webseite
Die Oberfläche ist äußerst reduziert gestaltet. Sie besteht im Wesentlichen aus:
- einem Eingabefeld zum Stellen einer Frage
- einem „Nachricht senden“-Schalter
- einem Schalter zum Diktieren der Frage (Kurztaste: ALT+UMSCHALT+D)
- einem Schalter im oberen Bereich zum Starten einer neuen Unterhaltung
Mehr Elemente gibt es nicht. Diese Klarheit sorgt für eine gute Orientierung und vermeidet unnötige Ablenkungen. Gerade für Screenreader-Nutzer ist diese reduzierte Struktur angenehm.
Eine Anfrage stellen
Eine Anfrage kann entweder über das Eingabefeld oder per Diktat erfolgen. Die Frage kann ganz natürlich formuliert werden.
Nach dem Absenden hört man ein Geräusch, während der FSCompanion die Antwort generiert. Sobald die Antwort bereitsteht, wird sie von JAWS automatisch vorgelesen.
Die Darstellung ist dabei logisch aufgebaut:
- Die eigene Frage wird als Überschrift formatiert.
- Direkt darunter folgt die Antwort des FSCompanion.
- Bei Folgefragen wird erneut die neue Frage als Überschrift dargestellt, darunter die jeweilige Antwort.
Diese Struktur ist sehr übersichtlich und unterstützt die Navigation innerhalb der Seite.
Wichtig: Wird der Schalter „Neue Unterhaltung beginnen“ aktiviert, wird der bisherige Chatverlauf ohne Nachfrage gelöscht. Ein Zurück oder Wiederherstellen ist nicht möglich. Hier wäre ein Hinweis wünschenswert gewesen.
Besonders im Deutschen teils dürftige Ergebnisse
So vielversprechend eine spezialisierte KI-Assistent für Screenreader im Umgang mit Windows klingt, so durchwachsen fallen die inhaltlichen Ergebnisse aus.
Mehrfach traten fehlerhafte oder unbrauchbare Hinweise auf – insbesondere bei Tastenkombinationen. Der Eindruck entstand, dass der FSCompanion stark auf das englische Windows und Office und deren Tastenkombinationen zugeschnitten ist. Dort mögen die vorgeschlagenen Befehle funktionieren. Im deutschen Umfeld jedoch waren die Angaben häufig falsch.
Konkretes Praxisbeispiel: Überschriften in Word
Meine erste Testfrage lautete:
„Wie kann ich in Word Überschriften erstellen und bequem Überschriften anspringen?“
Die Antwort enthielt unter anderem den Hinweis, mit STRG+ALT+1–3 Überschriften zu erstellen.
Auf englischen Systemen mag das zutreffen – in der deutschen Version von Microsoft Word funktioniert diese Tastenkombination jedoch nicht. Hier wäre ALT+1–3 korrekt gewesen.
Auch der Hinweis zur Anzeige weiterer Formatvorlagen über ALT+H, L funktionierte nicht. Der korrekte Weg wäre STRG+UMSCHALT+S gewesen.
Beim Thema Überschriftennavigation schlug der FSCompanion die Nutzung der Navigationsleiste von Word mit mehreren komplexen Tastenkombinationen vor – keine davon funktionierte in meinem Test. Dass JAWS selbst eingebaute Funktionen wie die Überschriftenliste oder die Schnellnavigation bietet, wurde zunächst überhaupt nicht erwähnt.
Für einen unerfahrenen JAWS-Nutzer wäre diese Antwort kaum hilfreich gewesen.
Nachfragen brachten nur teilweise Klarheit
Auf meine Rückfrage:
„Aber gibt es nicht zum Anspringen von Überschriften eine JAWS-Funktion, Überschriftenliste und Schnellnavigation?“
Erhielt ich immerhin eine brauchbare Erklärung zur Überschriftenliste. Diese war verständlich und korrekt beschrieben.
Doch zur Schnellnavigation – also der Möglichkeit, mit JAWS+Y den Schnellnavigationsmodus zu aktivieren und anschließend mit H zwischen Überschriften zu springen – erhielt ich keinerlei brauchbare Hinweise.
Selbst nach mehreren gezielten Nachfragen behauptete der Assistent, diese Funktion sei in der offiziellen JAWS-Dokumentation nicht vorhanden. Auch mein expliziter Hinweis auf JAWS+Y und H änderte daran nichts.
Wiederkehrendes Muster
Leider verliefen auch andere Tests ähnlich.
Stellt man sehr gezielte Fragen zu einzelnen, klar benannten JAWS-Funktionen, erhält man durchaus oft brauchbare Erklärungen. Doch genau hier liegt das Problem:
Wie soll ein Neueinsteiger wissen, wonach er konkret fragen muss?
Ein Assistenzsystem sollte gerade dort unterstützen, wo noch kein Detailwissen vorhanden ist.
Vergleich mit ChatGPT
Zum Abschluss stellte ich dieselbe Ausgangsfrage auch an ChatGPT.
Interessanterweise erhielt ich bei der Tastenkombination zur Erstellung von Überschriften ebenfalls zunächst den Hinweis STRG+ALT+1 – also denselben Fehler.
Allerdings folgten unmittelbar saubere und gut erklärte Hinweise zur Arbeit mit der JAWS-Überschriftenliste sowie zur Schnellnavigation mit H. Genau jene Informationen also, die der spezialisierte FSCompanion selbst nach mehrmaligem Nachfragen nicht zufriedenstellend geliefert hatte.
Fazit: Spezialisierte KI mit Licht und viel Schatten
Der FSCompanion überzeugt durch:
- klare, minimalistische Oberfläche
- gute Screenreader-Struktur
- direkte Integration in JAWS
- prinzipiell sinnvolles Konzept
Inhaltlich jedoch zeigt sich ein sehr gemischtes Bild – insbesondere in der deutschen Umgebung. Wohl nur Tastenkombinationen zugeschnitten für englische Systeme und fehlende Hinweise auf zentrale JAWS-Funktionen schmälern den praktischen Nutzen erheblich.
Für erfahrenere Nutzer, die gezielt nach einzelnen Funktionen suchen, kann der FSCompanion durchaus sehr hilfreich sein.
Für deutsche Einsteiger hingegen besteht die Gefahr, durch nicht funktionierende Tastenkombinationen und nicht genannten JAWS-Funktionen sehr schnell den KI-Assistent mit ALT+F4 zu schließen.